Carpenter Brut – Tonaler Blutrausch in Neonfarben

Franck Hueso, alias Carpenter Brut, liefert mit “Leather Terror” sein mittlerweile viertes Synthesizer-Feuerwerk ab – und führt die 2018 angefangene Geschichte über den Antihelden Leather Teeth fort. Das neue Album kommt dabei gewohnt kinematisch daher – und bestreitet dennoch ein paar neue Wege. Weitere interessante Rock-Storys gibt es hier zu lesen.

InterpretCarpenter Brut
AlbumLeather Terror
Veröffentlichung1. April 2022
GenreSynthwave, Darkwave
LabelVirgin Records
Tracks12
Bewertung der Redaktion6/10
Spieldauer45 Min

Oben angelangt

Der Synthwave hat mit größter Sicherheit mittlerweile seinen Zenit erreicht. Dass er noch mehr Popularität erreichen kann, erscheint bei seiner kurzen und turbulenten Historie eher unwahrscheinlich – es ist für sich schon erstaunlich genug, dass er dort angelangt ist, wo er ist. Der Traum einer 80er Jahre Musikrealität, die es im Grunde gar nicht gibt, hat sich ausgeträumt. Die wenigen Künstler, die sich von der Obskurität irgendwelcher Youtube-Kanäle loslösen konnten, haben einen soliden Status erreicht, touren regelmäßig durch Hallen anständiger Größe und spielen solide Festival-Slots. Allerdings sind das von all den Darkwave, Outrun, Retrowave, oder Futuresynth-Künstlern, die es in den letzten zehn Jahren zu gewisser Bekanntheit geschafft haben, eigentlich nur noch zwei: Pertubator und Carpenter Brut. Der Rest ruht wieder in Obskurität.

Der aus dem westfranzösischen Portier stammende Carpenter Brut spielt düsteren an den Klang und die Ästhetik der 80er Jahre Metal-Welt angelehnten Synthwave. Soundtracks für fiktive Filme (oder die nachträglich zu echten Filmen werden, wie der 2020 erschienene ‘Blood Machines’). Vor vier Jahren begann er mit der Arbeit an einer Trilogie, die sich um einen jungen Mann mit dem furchteinflößenden Spitznamen Leather Teeth dreht. Im nach ihm benannten 2018er Album begann die tragische Liebes-Geschichte, die in einem von 80er B-Movies wie „Maniac Cop“ oder „Evil Dead“ inspirierten Blutbad endet.

Cover "Leather Terror"
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„Leather Terror“ führt die akustische Geschichte nun fort – allerdings um einiges düsterer. Leather Teeth ist mittlerweile ein berühmter Rockstar, ist innerlich aber zerissen. Nachts begibt er sich auf eine tödliche Vendetta, um sich an denen zu rächen, die ihm im letzten Teil unrecht angetan haben. Das klingt ganz schön nach Billo-Slasher-Film – und das soll es auch. Ernstgemeint ist das nämlich nicht, es ist pure Übersteigerung. Da gut die Hälfte der Songs instrumental sind, ist die Rahmenhandlung sowieso mehr ein Mittel zum Zweck: es geht um den Vibe, um das Gefühl eines Slasher-Films – nicht unbedingt darum, wirklich einen zu erzählen.

Schneller und dunkler

Während im Vorgänger noch der bunte Sound des Glam Metals als Inspiration diente, ist der Klang auf „Leather Terror“ – genau wie die Geschichte – nun eine Spur dunkler und brutaler. Vor allem nach den ersten zwei richtigen Nummern ‘Straight Outta Hell’ und ‘The Widowmaker’ braucht man eine Verschnaufpause vom hören. Es ist wildes, elektronisches Geballer was Carpenter Brut auf einen loslässt – und dabei tatsächlich eine Spur zu wild. Die erste Hälfte der Platte ist zum nebenbei hören daher leider etwas zu ansträngend. Auf dem Dancefloor sieht es da jedoch mit Sicherheit anders aus.

Als wäre es dem Synthmeister bewusst gewesen, beruhigt sich die Musik auf der zweiten Hälfte wieder: Die Tracks bewegen sich mehr in Richtung „herkömmliche“ 80er Mucke. Der mit seinem treibenden Baukasten-Beat und den schleichenden Synth-Akkorden betörende Track ‘Day Stalker’ ist eine herrlich athmosphärische Hommage an John Carpenters Soundtrack-Arbeit und mit der Power-Hymne ‘Lipstick Masquerade’ (auf der die französische Sängerin Persha den Gesang übernimmt) ist auch ein klassischer Popsong mit Ohrwurmgefahr am Start. Das Highlight des Albums wartet aber ganz am Ende: das Titelstück ‘Leather Terror’ ist ein besonderer Leckerbissen für diejenigen, die es gerne etwas metallischer mögen. Denn hier geht es mit Gastsänger Jonka Andersson, der sich von der schwedischen Band Tribulation geborgt wurde, in Richtung Black Metal – und zwar ganz ohne Gitarreneinsatz. Das Lied ist trotz seiner Blast-Beats und den gegrowlten Vocals erstaunlich eingängig, und passt super zur Athmosphäre.

„Leather Terror“ ist nicht unbedingt für jeden etwas. Für Fans von eher in Richtung Ambient gehende Soundtrack-Musik ist das Album zu schnell und laut, und für diejenigen die auf Techno-mäßiges Geballer stehen zu langsam und Retro. Wenn man sich aber für die Mitte begeistern kann, ist man bei dem neuen Carpenter Brut-Werk gut aufgehoben.


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